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  • AutorenbildKatja Reuther

blue collars und die Digitalisierung

während meines coaching einsatzes im rav im Kanton schwyz wurde ich mit einer für mich neuen kundenart im coaching konfrontiert. auf gut schweizerisch: der büezer (gemäss google: der einfache arbeitertyp)




Auf LinkedIn lesen wir viel von Selbstverwirklichung, “Discover the real me”, “wie wollen wir wirklich leben”, “Finde den Traumjob”, “upgrade yourself”, “reshape the future”, etc.


Nehmen wir die Maslowsche Bedürfnispyramide: bei den White Collars, also der Mehrheit der Leser dieses Artikels, befinden wir uns eher im oberen Bereich: soziale Bedürfnisse, Wertschätzung, Selbstverwirklichung.


auf linked in werden fragen gestellt wie:

"was, wo und warum möchtest du arbeiten"


was: Neigung und eignung

wo: arbeitswelten und branchen

warum: werte und motivationen



Bei vielen 50+ Handwerkern befinden wir uns auf den ersten beiden Stufen: beim Grund- und dem Sicherheitsbedürfnis.


was: etwas das ich kann

wo: dort wo es arbeit gibt und man mich

einstellt

warum: es git stutz!



Einer meiner ersten Kunden war ein Staplerfahrer, 53 Jahre, und ich fragte ihn nach seinem Traumjob.


“Ich bin eine Fee”, sagte ich, “dort hinter der Tür verbirgt sich ihr Traumjob, was wird es sein? Sie können sich alles wünschen, was sie wollen!”. Dabei schwang ich meinen Bleistift wie einen Zauberstab in der Luft und lächelte ihn erwartungsvoll an.


Mein Kandidat guckte mich an und sagte: “egal, einfach ein Job!”


Ja, aber was würden Sie denn gerne tun? “Schaffe dänk”!


Ok, ja, das ist klar, aber was für eine Arbeit? “eine die ich kann und einen Lohn erhalte”


Gut, und was können Sie denn besonders gut? “Das was ich schon seit Jahren mache: staplerfahren”.


Was fasziniert sie denn an diesem Job? “Dass ich es kann und Lohn dafür erhalte”


Das führt zu nichts, dachte ich, er hat meine Frage nicht verstanden und kann keine Gedankenreise machen. Falsch. Ich habe den Kandidaten nicht verstanden. Dies habe ich aber erst begriffen, als ich bei weiteren 50+ “Büezern” die gleichen Antworten erhalten habe.


Ihre beruflichen Geschichten sind oft ähnlich. In den 60ern auf dem Land geboren. Eine Ausbildung machte man dort, wo es noch einen “Stiftenplatz” hatte (eigentlich wollte ich Schreiner werden, aber ein anderer hat den einen (!) Ausbildungsplatz im Dorf bekommen, dann wurde ich halt Automech). Nach der Lehre arbeiteten viele wo es grad ging und was sie konnten. Im Lebenslauf stehen dann nicht selten zwischen 10-15 verschiedene Jobs über die letzten 30 Jahre. Nicht weil sie Jobhopper nach heutiger Definition waren, nein, damals konnte man als Quereinsteiger mit handwerklichem Geschick fast überall arbeiten. Machte einer einen guten Job, holte ihn sein bester Freund in eine andere Bude, weils dort mehr Geld gab oder er wollte einfach mal was anderes ausprobieren. Sie waren flexibel, vielseitig und der Arbeitsmarkt offen für Menschen mit breiter Erfahrung.


Was war ihr langfristiges Ziel? “Ja, halt mal Frau, Haus und Kinder”


Ich musste also von meinem Coaching Ansatz à la Frithjof Bergmann “tu was du wirklich wirklich” willst absolut weg zu: tu was du kannst.


Hier noch an einen “Traumjob” zu denken, oder dass man Wünsche erfüllen könnte, ist weit hergeholt und wird mit fragender Miene goutiert. “Wünsch, sonen Seich Frau Reuther, mir händ eus doch nöd chöne was wünsche, mer händ eifach gschaffed und d Frau und d Chind versorged! Wünsch! Sie sind e Luschtigi … “


Ich habe also meinen «Zauberstab» in die Ecke gestellt und höre mir ihre grossartigen Lebensgeschichten an, stärke ihre inneren Ressourcen und wir versuchen gemeinsam herauszufinden, was sie noch machen könnten, mit dem was sie haben oder was sie allenfalls noch lernen könnten, um den Wiedereinstieg zu finden.


Aber die grösste (und auch schönste) Aufgabe ist: Mut machen, motivieren, stärken und sie den Glauben an sich selbst wieder finden lassen. Denn ein Glaube, vor allem an sich selbst, kann Berge versetzen.


Folgende Stolpersteine verhindern oft eine berufliche Wiedereingliederung:


1. praktisch keine Computerkenntnisse. Ja, der Spruch “hani bis jetzt nöd bruucht” höre ich oft. Diese ablehnende Haltung resultiert meist aus der Angst vor diesem Ding.

2. Nach 30 Jahren körperlicher Arbeit ist der Körper oft beschädigt und sie sind zu fit für die IV jedoch zu unfit, den angestammten Job noch ausführen zu können.


Hier eine rasche Lösung herbeizuführen, während die Kandidaten bereits auf dem RAV angemeldet sind, gleicht oft einer 5 vor 12 Übung. Ein Upskilling von Blue Collars sollte bereits stattfinden, während sie sich noch im Arbeitsumfeld befinden. Jedoch denken viele einfach nicht daran. Nicht immer, weil sie es nicht wollen, sondern weil sie sich einfach in einem anderen Umfeld befinden, in der die Digitalisierung, wie wir sie hier thematisieren noch nicht so greifbar ist. Oder ja – «bis jetzt isch es au gange».


Was wäre eine geeignete Lösung innerhalb einer Firma (ich denke vor allem bei KMUs in der Industrie), um dieser Problematik vorzubeugen? Gibt es irgendwo ein best practice, das man als Beispiel nehmen und so die Mitarbeiter unterstützen könnte?





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